Altersgerechtes Arbeiten

Der demografische Einfluss

Der demografische Aufbau unserer Gesellschaft verändert sich: Die Geburtenrate ist niedrig die Lebenserwartung steigt. Die Bevölkerung wird weniger und gleichzeitig immer älter. Im Demografiebericht 1 der Bundesregierung rechnet man damit, dass im Jahr 2060 nur noch zwischen 65 Mio. und 70 Mio. Menschen in Deutschland leben, wobei jeder Dritte 65 Jahre oder älter sein wird.

Während die Gesamtgesellschaft altert, wird die Arbeitswelt zurzeit noch durch Frühverrentungen und eine auf Junge ausgerichtete Personalpolitik verjüngt. Die negativen Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft sind absehbar. Abhilfe sollen die folgenden Maßnahmen schaffen:

  • Durch eine neue Form der Zuwanderung sollen qualifizierte Migranten, die künftige Lücken im Fachkräfteangebot schließen können, gezielt angeworben werden.
  • Eine Erhöhung der Anzahl erwerbstätiger Frauen soll dazu beitragen, dass das Arbeitskräfteangebot der Nachfrage der Unternehmen entspricht.
  • Eine längere Lebensarbeitszeit durch kürzere Ausbildungszeiten sowie ein späteres Renteneintrittsalter soll die Folgen des demografischen Wandels erheblich entschärfen.

Auf mittlere Sicht wird sich also die Altersstruktur der Erwerbsbevölkerung verändern, auch hier wird das Durchschnittsalter steigen. Um dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen ist es wichtig, sich auch der eigenen Belegschaft zuzuwenden, nämlich denjenigen, die bereits im Unternehmen tätig sind und dies noch viele Jahre sein werden. Dementsprechend müssen die Voraussetzungen für eine Weiterarbeit von Älteren geschaffen und die Arbeitsbedingungen so gestaltet werden, dass Mitarbeiter im Unternehmen gesund altern und ihre Arbeitsfähigkeit nachhaltig erhalten können.

Arbeitsfähigkeit erhalten

Arbeitsfähigkeit erhält man indem man sich körperlich und geistig fit hält. Beides hängt stark von der täglichen Arbeitsumgebung ab. Sie hat entscheidenden Einfluss auf körperliche Belastungen, den individuellen Aktionsradius, die soziale Einbindung und damit auch auf die Motivation und Sinnstiftung in der Arbeit.

Unternehmen müssen ihre Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen in Zukunft stärker als bisher darauf ausrichten die Arbeitsfähigkeit ihrer Beschäftigten zu erhalten und ihre Gesundheit, Kompetenz und Motivation zu fördern. Dazu gehören:

  • Beschäftigten über 50 Jahre Entwicklungsmöglichkeiten bieten. Wertschätzung wirkt sich positiv auf die Motivation aus. Denn Motivation ist nicht nur eine Frage des Lohnniveaus, sondern wird auch vom Betriebsklima, der Mitarbeiterführung und der Arbeitsorganisation beeinflusst.
  • Die Kompetenzen (z. B. durch Weiterbildung) erhalten und fördern. Davon hängt die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens ab. Ältere Beschäftigte verfügen aufgrund langjähriger Erfahrung und Fachwissen über ein großes Innovationspotenzial.
  • Arbeitsbedingungen schaffen, die den Erhalt der Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten positiv unterstützten. Die altersbedingte Zunahme von Erkrankungen wird nicht nur durch das individuelle Gesundheitsverhalten beeinflusst, sondern auch die Arbeitsplatzbelastungen tragen maßgeblich dazu bei. Hier müssen die Betriebe ansetzen und vermeiden, dass die Beschäftigten unnötigen psychischen und physischen Belastungen ausgesetzt werden.

Den größten Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit hat das Führungsverhalten. Darin ist sich die Forschung mittlerweile einig. Unternehmenskultur, Führungskultur und Arbeitsgestaltung sind für die Arbeitsfähigkeit und Arbeitsleistung von Beschäftigten von größerer Bedeutung als das jeweilige Alter des Beschäftigten. Unternehmen sollten verstärkt Anreize setzen, um gute Führung einzufordern und zu fördern. Eine gesunde Führungskultur, die „von oben gelebt“ wird, beinhaltet klar definierte Ziele und Erwartungen, die Delegation von Verantwortung und eine konstruktive Konfliktkultur. Dabei sollte der Mensch im Mittelpunkt stehen und nicht im Weg.

Gute Beispiele für altersgerechtes Arbeiten 2

  1. Das Experiment bei BMW: 45 ältere Montagearbeiter simulierten an einer dafür bereit gestellten Linie das "Arbeitssystem 2017". Ob Bodenbelag, Sicherheitsschuhe, Stühle zum Hinsetzen und Abstützen wie bei den Friseuren oder größere Schriften auf den Bildschirmen: Rund 70 Maßnahmen setzte BMW um, damit über 50-Jährige gesund mit- und durchhalten und Jüngere fit bleiben. Nach zweieinhalb Jahren konnte sich das Ergebnis sehen lassen: Bei der Stückzahl hielten die Alten mit, bei der Qualität waren sie sogar besser als die Jungen. Ältere können genauso viel leisten wie Junge, wenn die Arbeitsplätze ergonomisch und alternsgerecht sind. Die Erkenntnisse und Ideen aus dem Zukunftsprojekt sollten in neue Anlagen und andere BMW-Standorte einfließen.
  2. Die Firma Bosch und Siemens Hausgeräte (BSH) könnte sich das BMW-Demografie-Projekt als Steilvorlage genommen haben. Das Unternehmen hat eine Vielzahl von Maßnahmen für ergonomisches und alternsgerechtes Arbeiten umgesetzt. Dort können Montagearbeiter stehen und sitzen. Die Stapler sind mit orthopädischem Fahrersitz ausgestattet und die Schreib- und Werktische höhenverstellbar. An 86 Schon-Arbeitsplätzen können etwa Beschäftigte nach einer Krankheit eingesetzt werden.
  3. Bei Hydro Aluminium in Hamburg entlasten "Opa-Tage" die Schichtarbeiter. Wer 55 Jahre alt ist und regelmäßig nachts arbeitet, darf drei Nachtschichten kappen, mit 57 sogar sechs. Der Haustarifvertrag regelt ein Schichtsystem nach arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen: Vorwärtswechsel, kurze Zyklen, maximal drei Nachtschichten, zwei komplett freie Wochenenden pro Monat. Außerdem können bei Hydro Aluminium statt vier nun fünf Prozent der Belegschaft in Altersteilzeit gehen.
  4. Und in Sindelfingen produziert die älteste Belegschaft des Werkes die Mercedes-S-Klasse. Die durchschnittlich 48 Jahre alten Arbeiter clipsen Hydraulik-, Benzin- und Bremsleitungen im Stehen und auf Schulterhöhe an. Die Karossen hängen an Gestängen von der Hallendecke und lassen sich kippen, drehen, schwenken und in der Höhe verstellen. Früher mussten die Arbeiter die Leitungen über Kopf montieren.


1. Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Demografiebericht, Stand Oktober 2011
2. Aus: IG Metall: Alters- und alternsgerechtes Arbeiten, Das Ziel: Eine humane Arbeitswelt für alle, 15.08.2012